TLM Hörfunkpreis 2002
Jurymitglieder
Johannes Haak
Vorsitzender des Ausschusses für Offene Kanäle und Medienkompetenz der TLM-Versammlung
Prof. Kurt Morneweg
Gründungsbeauftragter für das Kindermedienzentrum Erfurt
Prof. Dr. Kai Hafez
Prof. für Kommunikationswissenschaften an der Universität Erfurt
Claudia van Laak
Thüringenkorrespondentin DeutschlandRadio
Jürgen Linke
Leiter des Offenen Kanals Berlin
Dr. Victor Henle
Direktor der Thüringer Landesmedienanstalt (TLM)
Preisträger
Kategorie 1: „Hörfunkbeitrag“
1. Preis (500 Euro):
Dorothea Fischer, Johannes Mayr
"Give me a ticket for an aeroplane"
(Produziert und ausgestrahlt im Studio B 11 der Bauhaus Universität Weimar.)
Das Thema des Beitrags betrifft immer mehr Menschen: Fernbeziehungen. Am Beispiel dreier Studenten an der Bauhaus-Universität Weimar behandeln die Autoren dieses Thema facettenreich und unterhaltsam. Dabei bleiben sie nicht bei den - emotional und gut erzählten - Geschichten stehen, sondern versuchen auch eine Analyse, recherchieren gründlich, befragen Fachleute und Freunde, bewerten selbst. Dabei werden Für und Wider von Fernbeziehungen deutlich. Am Schluss des Beitrags steht ein starker, emotionaler Originalton, der lange nachwirkt. "Give me a ticket for an aeroplane" bringt uns ein alltagsrelevantes Thema nahe anhand konkreter Personen und ihrer Geschichten sowie mit lokalem Bezug.
2. Preis (250 Euro):
Katja Müller
"Jazz in Eisenach"
(Produziert und ausgestrahlt bei Wartburgradio 96,5 in Eisenach.)
Die Autorin behandelt in ihrem Beitrag die Geschichte des Eisenacher Jazzklubs, der in den fünfziger Jahren von ein paar Musikern und Musikenthusiasten gegründet wurde. In den Schilderungen der Zeitzeugen wird Eisenacher und DDR-Geschichte hörbar. Der Beitrag schlägt aber auch die Brücke in die Gegenwart. Dabei wird deutlich, wie sich die Zeiten geändert haben - erfreulicherweise ohne erhobenen Zeigefinger, nostalgische Verklärung oder Schwarzweißmalerei. Hier teilt sich die Erfahrung von Menschen mit, die unter sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Leidenschaft zur Musik treu bleiben. "Jazz in Eisenach" setzt sich authentisch mit der eigenen, lokalen Geschichte und dem eigenen Umfeld auseinander.
Kategorie 2: "Hörfunksendung"
1. Preis (500 Euro):
Franziska Jyrch, Henrik Hentschel
"Muzak"
(Produziert und ausgestrahlt im Studio B 11 der Bauhaus Universität Weimar.)
Muzak, die Musik des Hintergrunds, ist zwar fast allgegenwärtig, wird aber kaum bewusst wahrgenommen. Die Autoren stellen in ihrer Sendung die Geschichte und die Wirkungsweisen dieser Musik dar, die erfunden wurde, um die Stimmung und das Kaufverhalten von Menschen zu manipulieren. Wie das funktioniert, machen Interviews mit Experten und Klangbeispiele deutlich. Die Sendung zeichnet sich durch eine klare Sprache und einen dramaturgischen Einsatz der Musik aus. So etwas wird zu schätzen wissen, wer schon auf so manche Antenne gejumpt und vielfältig dauergewellt übers Land und seine Frequenzen gereist ist. Schließlich sind die meisten Radioprogramme heutzutage wenig mehr als Klangteppiche im Hintergrund und damit selbst so etwas wie Muzak. Die Sendung beleuchtet ein selten behandeltes Thema in seiner Bedeutung für den Alltag und mit radiogerechten Mitteln.
1. Preis (500 Euro):
Dirk Daniel
"Kochen mit BSEplus - Leckeres aus Katze"
(Produziert und ausgestrahlt im Offenen Kanal Nordhausen.)
Angesichts der Allgegenwart des Themas Essen im Alltag, ist eine satirische Sendung über unsere Essgewohnheiten ein Wagnis. Dirk Daniel ist dieses Wagnis eingegangen, und es hat sich gelohnt. Der Autor nutzt die als harmlos geltende Form des Kochstudios und parodiert sie mit Inhalten, die die meisten wohl als makaber und provozierend empfinden. Seine Rezepte und Zubereitungstipps kreisen im Grunde um ein Thema: unser widersprüchliches Verhältnis zu domestizierten Tieren. Welche von ihnen essen wir, welche nicht? Und warum beziehungsweise warum nicht? "Kochen mit BSEplus - Leckeres aus Katze" ist eine Sendung, die ihr Thema mit geschliffener satirischer Sprache gekonnt zuspitzt.
Lobende Anerkennung (Sachpreis):
Elena Reichardt
"Shalom - Die Suche nach einem Zuhause"
(Produziert und ausgestrahlt im Offenen Kanal Erfurt / Weimar, Radio Funkwerk.)
Die Sendung vermittelt Kenntnisse über jüdische Kultur, fördert Integration und widmet sich den sozialen Problemen der Spätaussiedler und der jüdischen Gemeinde in Erfurt. Der Prozess des gemeinsamen Radiomachens im Offenen Kanal beschreibt auch den Prozess des Lernens der Sprache und des Suchens nach einem Zuhause - ganz, wie es der Titel aussagt. Dass das spannend ist und Spaß macht, hört man "Shalom" auch an. Musikliebhaber werden zu schätzen wissen, dass sie Titel geboten bekommen, die sonst sehr selten im Radio zu hören sind. "Shalom - Die Suche nach einem Zuhause" nimmt sich eines wichtigen Themas an und setzt es engagiert um.
Kategorie 3: "Die unveröffentlichte Geschichte"
Preis (750 Euro):
Theresa Schubert, Mareike Maage, Christina Hirschberg
"Maeromat DCX 3000"
(Produziert und ausgestrahlt im Studio B 11 der Bauhaus Universität Weimar.)
In dem Hörspiel führt eine Erfinderin den besagten maeromaten in einem Verlag vor, der die Absicht hat, Autoren durch Sprachcomputer zu ersetzen. Das uralte Medium Märchen, ursprünglich von Mund zu Mund weitergegeben und auf wenigen archaischen Themen und Erzählstrukturen basierend, trifft auf den Rechner. Der Mensch füttert die Schaltkreise mit allen verfügbaren Daten. Schneewittchen wird durch den Computer gejagt und beliebig variiert - Beamtensprache, Jugendslang, Lexikonduktus usw. Am Ende verselbständigt sich die künstliche Intelligenz und gerät außer Kontrolle. Die Erfinderin, die so stolz auf ihren Computer ist, spielt keine Rolle mehr. Sie ist raus aus dem Spiel. "Maeromat DCX 3000" überzeugt mit einem brisanten Thema und originellen Stilmitteln.
Lobende Anerkennung (Sachpreis):
Charles Ott
"Charlotte"
(Produziert und ausgestrahlt bei Radio LOTTE in Weimar.)
Bei dieser Sendung handelt es sich um eine vielschichtige Collage, sowohl auf der Klang- als auch auf der Sinn-Ebene. Der Autor nimmt sein Material von einer am Vortag veranstalteten Demonstration der rechtsextremen NPD in Weimar und aus der Berichterstattung darüber. Die Originaltöne der Reporter, Passanten, Studiogäste und Polizeisprecher werden nebeneinander gestellt, neu kombiniert und mit Musik vermischt. Bildhafte Originaltöne lassen das Geschehen zum einen vorstellbar werden. Zum anderen wirft die Montage die Frage auf: Wie beeinflusst die mediale Wahrnehmung eines Geschehens unser Bild davon und letztlich das Geschehen selbst? Die Sendung "Charlotte" nimmt sich des Themas auf eigenwillige Weise an, indem sie nicht nur radiospezifische Mittel gekonnt nutzt, sondern diese selbst thematisiert und problematisiert.






