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Die Rolle der Prognosen bei der DAB-Einführung.
25.03.2004
Waren die Probleme vorauszusehen?In Erfurt diskutierten gestern auf Einladung der TLM Experten aus Forschung, Technik, Medien und Politik über Möglichkeiten und Wege, die Qualität von Prognosen zur Einführung neuer Medientechnologien zu verbessern. Angesprochen wurden nicht nur theoretische und methodische Probleme und Grenzen von Prognoseverfahren. Es ging vor allem um einen sorgfältigeren und vorsichtigen Umgang mit den Ergebnissen angewandter Forschung.
Anlass der Diskussion war die Präsentation eines Gutachtens der Professoren Gerhard Vowe und Andreas Will von der Technischen Universität Ilmenau, das im Auftrag der TLM erstellt wurde. Die Wissenschaftler gehen darin der Frage nach, ob, und wenn ja, warum die Probleme bei der Einführung des Digitalradios (DAB) in den zahlreichen Akzeptanz- und Nutzungsuntersuchungen durchweg unterschätzt wurden.
Die Wissenschaftler zeigen in ihrem Gutachten einerseits, dass die Prognosen zu den Entwicklungsaussichten des Digitalradios insgesamt sehr viel heterogener waren, als auf den ersten Blick zu vermuten war. Sie stellen aber fest, dass die Akzeptanz- und Nutzungsuntersuchungen der Begleitforschung zu den DAB-Pilot-projekten Ende der 90er Jahre in Anlage, Wahrnehmung und Rezeption bereits auf die Markteinführung eines neuen, technisch für überlegen gehaltenen Systems ausgerichtet waren. Die Überprüfung der ins Blickfeld genommenen Unter-suchungen ergab zudem theoretische Defizite und (in einigen Fällen) auch methodische Mängel. Das hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Prognosen nicht eindeutiger und realistischer ausgefallen sind. Aus ihrer Überprüfung ziehen die Gutachter das Fazit, dass derzeit weder eine Marktlösung noch eine politisch-administrative Lösung in der Lage ist, den DAB-Stillstand aufzuheben. Möglicher-weise muss man die erheblichen Kosten für die DAB-Einführung als unvermeidliche „Suchkosten“ (Vowe) auf dem Wege zu einer langfristigen Digitalisierung des Hörfunks abbuchen.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Frage, welche Rolle die Wissenschaft bei der Erstellung von Entscheidungshilfen spielen kann. Das gilt vor allem dann, wenn diese Hilfen (wie bei der Einführung der digitalen Medientechnologien) in einer „sehr unübersichtlichen Gemengelage widerstreitender Akteure“ (Vowe) erarbeitet werden müssen und gemeinsames Handeln fehlt, um die Innovation erfolgreich durchzusetzen. Ein besonderes Manko der Prognosen zur Einführung des Digitalradios sahen die Teilnehmer darin, dass die Komplexität der wirtschaftlichen und politischen Strukturen sowie deren Einfluss und Erwartungshaltung erheblich unterschätzt oder ganz ausgeklammert wurde.
Kontrovers war die Diskussion in der Frage, ob die angewandte Forschung überhaupt über geeignete Theorien und Methoden verfügt, um den Erfolg oder Misserfolg neuer Technologien vorhersagen zu können. Dabei stellt sich das Problem, welche Qualitätsmaßstäbe an die angewandte Forschung anzulegen sind und welche Rolle die Grundlagenforschung als Theoriegeber und unabhängiger Supervisor einnimmt. Der Moderator, Prof. Dr. Uwe Hasebrink (Hans-Bredow-Institut, Hamburg), brachte es auf die Formel, wie der „Mythos Wissenschaft auf sozialverträgliche Weise heruntergebrochen werden kann“.
Unabhängig davon waren sich die Beteiligten einig, dass Begleitforschung netzwerkbezogen anzulegen ist. Bei allen methodisch-wissenschaftlichen Anforderungen an ein Prognosegutachten spiele aber auch der „gesunde Expertenver-stand“ (so ein Teilnehmer) eine Rolle. Die Diskussion über die Rahmenbedingungen, die Rolle und die Wahrnehmung angewandter Forschung müsse dringend fortgeführt und intensiviert werden, um Fehler, wie sie bei der Einführung von Digitalradio gemacht worden sind, künftig zu vermeiden. Schon jetzt zeichne sich ab, dass das möglicherweise auf die Einführung von DVB-T zutreffe.
Das Forschungsgutachten von Gerhard Vowe und Andreas Will ist unter dem Titel "Die Prognosen zum Digitalradio auf dem Prüfstand. Waren die Probleme bei der DAB-Einführung vorauszusehen?" als Band 15 der TLM-Schriftenreihe im KoPäd Verlag München erschienen, 128 Seiten, Euro 15,- ISBN 3-935686-45-5.
Eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse des Gutachtens ist beigefügt (Anlage).







