DR. GERD BAUER, Direktor der Landesmedienanstalt Saarland (LMS)
1. Die Digitalisierung des Hörfunks in Deutschland wird in jedem Fall erfolgen, wenn auch leider nicht so rasch, wie ich es mir wünschen würde.
2. Hörfunk wird auch in Zukunft eine wichtige Rolle in der Massenkommunikation spielen, weil kein Medium große Personenkreise aktueller und schneller über wichtige Ereignisse informieren kann - und das zu jeder Zeit an praktisch jedem Ort.
3. Die Konvergenz der Medien führt zu mehr Wettbewerb bei den Kommunikationswegen, aber auch zu einer größeren Vielfalt der Angebote, die über diese verbreitet werden.
DIPL.- ING. MATHIAS BUß, Architekt, Journalist & Maler
Die Worcester-Sauce war ursprünglich als Abführmittel gedacht, das Dynamit für den Bergbau erfunden und das Telefon für die Übertragung von Konzerten entwickelt worden. Erfindungen können sich verselbständigen und sind mitunter unberechenbar. Dem Prozess der Anwendung durch den Nutzer wohnt ein irrationaler Moment inne, der nicht vorher sehbar ist. So ist das Radio-Empfangsgerät von 2020 nicht vorauszusagen und verliert sich in Spekulation.
Trotzdem:
Alles wird überall empfangbar sein.
Statt DAB- oder UKW-Digitalradio wird aus meiner heutigen Sicht das multifunktionale Handy, als Empfangsgerät, Speichermedium und interaktives Kommunikationsmittel, das Radio der Zukunft sein. Über den Internetzugang werden alle Radiostationen überall empfangbar sein.
Die Frage der Frequenzregulierung – ob lokal, regional oder landesübergreifend – wird sich so nicht mehr stellen.
Für den Hörer wird nicht der technische, sondern der inhaltliche Verbreitungsraum, der geistige Radius, entscheidend sein. Es ist die Frage, welcher Sender den jeweiligen Genius Loci trifft. Das Radio muss dabei aus der Perspektive des Hörers gedacht sein. Wenn allerdings der Rezipient weiterhin zum Konsumenten degradiert wird, verliert sich das Medium noch mehr in einer Beliebigkeit und Belanglosigkeit.
Nichtsdestotrotz wird der Mensch immer das unmittelbare Grundbedürfnis an Kommunikation in sich tragen. So wird gerade das regionale Sendegebiet als Orientierungs-, Identifikations- und Reflexionsraum von Wichtigkeit sein. Es ist dabei die Frage zu stellen, welche Berührungspunkte in Zukunft zwischen dem Sender und dem Hörer geschaffen werden können.
FRANK FELIX DEBATIN, 1000Mikes AG in Hamburg
1. Das Medium Radio ist definiert durch die Live-Distribution von Audioinhalten. Genau darin liegt auch seine Stärke und seine Zukunft, und jede Abkehr davon führt zur Schwächung gegenüber konkurrierenden Medien.
2. Die Distributionstechnologien des Radios 2020 sind UKW sowie stationäres und mobiles Internet.
3. Im Internet entstehen viele neue Formate: das Radio 2020 wird interaktiv, sozial und nicht-linear. Nicht-linear bedeutet viel mehr als nur "ondemand", sondern generell die Ablösung des 24-Stunden-Streams als prägendem Organisationsschema, zum Beispiel durch thematisch vernetzte Eventradios.
JOCHEN FASCO, TLM-Direktor
1. Hörfunk ist ein wichtiges Mittel der Massenkommunikation – für jede Alters- und Gesellschaftsgruppe. Er nutzt viele verschiedene Wege, um seine Zielgruppen zu erreichen
2. Auch das Radio ist ein Medium im Wandel – die Digitalisierung wird nicht dauerhaft vor den Hörfunkwellen zurückweichen, digitales Radio online wie offline ist die Zukunft
3. Die Öffnung zur digitalen Welt wird dem Hörfunk mehr Konkurrenz, aber auch mehr Chancen und mehr Verbreitungsmöglichkeiten bieten.
LARS GERDAU, Geschäftsführer LandesWelle Thüringen GmbH & Co. KG
1. Radio 2020 wird viele Distributionswege haben - vor allem aber UKW und das Internet.
2. Radio 2020 bietet eine sehr große Sendervielfalt - starke und langjährig etablierte Radiomarken werden weiterhin im Hörermarkt erfolgreich sein.
3. Radio 2020 bedeutet für die landesweiten Radiosender, noch stärker auf regionale Themen zu setzen, um sich von nationalen und internationalen Programmen zu unterscheiden.
HANS J. KLEINSTEUBER, Universität Hamburg
1. Die Zukunft des Radios wird digital sein, aber gänzlich anders, als es DAB-Befürworter entwerfen.
2. Die Zukunft des Radios wird vielfältiger und bunter sein, als alles, was wir uns derzeit vorstellen.
3. Die Zukunft des Radios in Konkurrenz zu anderen Audio-Angeboten ist dann gesichert, wenn zivilgesellschaftliche Akteure sich in der ganzen Breite entfalten können.
STEFFEN KOTTKAMP, Geschäftsführer KI.KA Erfurt
1. Kinderradio ist genau so wichtig und richtig wie Kinderfernsehen.
2. Die Möglichkeiten digitaler Verbreitungswege werden Radio und Fernsehen näher zueinander führen.
3. Mehr noch als im Fernsehen wird sich zukünftig jeder Hörer sein Programm selbst zusammenstellen und zeitsouverän auswählen. Das bedeutet weniger 'mainstream' und mehr 'special interest'.
LUTZ KUCKUCK, Radiozentrale Berlin
1. Die jungen Hörer (10 bis 29 Jahre) schalten aktuell häufiger das Radio ein, reduzieren aber ob der neuen Medien ihre tägliche Nutzungsdauer. Auch die mehrkanaligen Aktivitäten der Radiomacher zollen hier ihren Tribut – wer sich breiter aufstellt und auch Online, Event und Communities in seine Marke einbezieht, verlagert die reine Hörzeit seiner Nutzer zwar auch ein Stück weit in andere, dafür aber markeneigene (!) Kanäle. Diese erweiterten Angebotsprofile der vertrauten Hörfunksender sorgen mit dafür, dass Radio in der digitalen Welt hoch akzeptiert bleibt.
2. Die Radionutzung von Kindern ist durchschnittlich geringer als die der Erwachsenen, da die Kids in der Schule und bei Freizeitaktivitäten außer Haus kaum Radio hören können. Am Wochenende hingegen steigt die mit Radio verbrachte Zeit signifikant. Die Kinder-Reichweite liegt aber auch generell in Märkten wie Berlin deutlich höher, in denen es spezielle Angebote für Kinder über Antenne gibt. Um die Hörer von morgen frühzeitig an unser Medium heranzuführen, sind eigene Kinderformate über Webchannels hinaus hilfreich. Dies muss selbstverständlich unter dem Blickwinkel der Finanzierbarkeit auch in weniger wettbewerbsintensiven Märkten geprüft werden. Aber gerade hier ist auch der Gesetzgeber gefragt, die Möglichkeiten z.B. für Programmfamilien oder bundesweite Lizenzen weiter zu öffnen.
3. Nicht nur die speziellen Programmformate, auch die Freude am eigenen Gestalten führt zur langfristigen Bindung der Kinder und Jugendlichen ans Radio. Im Klartext: Die Förderung von Radio-Projektwochen und Schülerradios ist ein unerlässlicher Baustein auf dem Weg zur Zukunftsförderung. Und nie konnte Radio so einfach erlebbar gemacht werden: Dank Podcasting, den neuen Webradio-Wegen und der zunehmend zum PC-Standard gehörenden Mikros und Schnittsoftware sind selbstproduzierte Radioprogramme unkompliziert erstell- und ausstrahlbar. Und in zentralen Web-Plattformen und speziellen Schülerradio-Communities könnten Radioexperten Tipps geben, die jungen Radiomacher untereinander diskutieren und Programmbausteine etc. austauschen.
THOMAS KUPFER, Community Media Forum Europe, Halle/Saale
1. Die Zahl der Radioangebote und der Verbreitungswege nimmt drastisch zu. Radio wird sich zunehmend disparat entwickeln und in seinen anspruchsvollen Varianten auf Gesprächskultur, auf zurechenbare Subjektivität und Partizipation setzen.
2. Die Regulationshoheit der Bundesländer wird durch die Realität der Medienverbreitung und -nutzung in Frage gestellt. Auf die Agenda gehören einerseits neue nichtkommerzielle lokale/regionale Angebote, andererseits neue bundesweite Programme – einschließlich eines oder mehrerer freier Radios, das Mantelprogramm-Elemente für nichtkommerzielle Lokalradios in überregionalen, online-vermittelten Redaktionsstrukturen produziert.
3. Die Digitalisierung des Radios vollzieht sich jenseits der politischen Rahmenregulation schon längst: im Internet. Die digitale Zukunft des Radios liegt vor allem in Kopplungen von ON AIR und OnLine, in der Verbindung von Geschwindigkeit, Mobilität, Gespräch, Interaktion und Partizipation: Radio wird durch Web-Applikationen wieder verstärkt zum publizistischen Medium. Die lange Zeit politisch favorisierten digitalen Plattformen, insbesondere DAB/DAB+, sind für die Zukunft des Radios nicht von Bedeutung.
KATJA RÖCKEL, Medienpädagogin
1) Wenn Kinder selbst als RadiomacherInnen aktiv werden, lernen sie mehr über den Hintergrund von Medien als beim Radio hören.
2) Spezielle Kinderradioprogramme, die in der redaktionellen Verantwortung von Erwachsenen stehen, erreichen nur einen kleinen Anteil von jungen HörerInnen.
3) Radio ist nur EIN Mittel, mit dem sich Kinder und Jugendliche ausdrücken können und wollen. Aus medienpädagogischer Sicht ist es wichtig sich aktuell und perspektivisch mit weiteren Ausdrucksformen und Medien auseinanderzusetzen.
THOMAS RÖHLINGER, Radijojo World Children's Radio Network, Berlin
In was für einer Radio-Welt wollen wir 2020 leben?
Wollen wir, dass die Kinder in Thüringen, Deutschland und Europa durch das Radio der Zukunft besser lernen, mehr mitbestimmen, sich leichter integrieren und weltweit vernetzen können? Oder wollen wir, dass skrupellose Medienheuschrecken aus dem In- und Ausland das Interesse der Kinder an Medien für ihren einzigen Existenz-Grund ausnutzen: für Profit, Profit und nochmals Profit, auch auf Kosten der Schwächsten: der Kinder?
Wollen wir unsere Kinder wirklich Unternehmen ausliefern, die - ganz formal gesprochen - weder einen satzungsgemäßen Bildungsauftrag haben noch gemeinnützig organisiert noch anerkannte Träger der Jugendhilfe sind, also eine ganz offensichtlich gesellschaftsschädigende Rolle spielen?
Wir sagen: NEIN. Die Zukunft unserer Kinder ist dafür viel zu kostbar.
Nicht nur Radijojo, auch viele andere wundervolle gemeinnützige und werbefreie Kinderradio-Projekte von Thüringen bis Thailand zeigen: nichtkommerzielles, partizipatives Radio von Kindern für Kinder bietet enorme Chancen, die Herausforderungen von Globalisierung und Digitalisierung zu meistern. Ungezählte Stunden Ehrenamt werden heute schon jeden Tag dafür investiert, zahllose Kinder wirken heute schon jeden Tag daran mit viel Liebe und Elan mit.
Wir rufen die Regierungen und Landesmedienanstalten, alle gesellschaftlichen Gruppen, Parteien und Organisationen in Thüringen und bundesweit auf, diese Initiativen massiv zu stärken und ihre Arbeit finanziell und gesetzlich nachhaltig abzusichern - und zwar auf lokaler, nationaler und europäischer Ebene. Das geben die Landesmediengesetze nicht her? Mut zur Veränderung!
Wir appellieren an alle verantwortungsbewussten Menschen, an Eltern, Lehrer und Politiker, an Kirchen, Gewerkschaften, Universitäten und soziale Einrichtungen:
Verhindern wir gemeinsam verhindern, dass das Kinder-Medienland Thüringen zum Kinder-Kommerzland verkommt!
Helfen wir den Kindern unserer Heimat, ihre Welt auch durch die Nutzung neuer Medien so zu gestalten, dass sie gern darin leben!
Für ein wirkliches Kindermedienland Thüringen, frei von Profitgier als "Kindermedien" getarnter Reklame- und Kommerz- Maschinerien!
Für eine blühende, kreative und partizpative Kinderradiolandschaft 2020!
DR. PHIL. WOLFGANG SCHILL, Medienpädagoge und Experte für Kinderradio
Thesen für Forum 2: „Neue Zielgruppen finden – Kinder entdecken das Radio“
1. Wer Kinder als bewusste Radionutzer gewinnen will, muss ihnen ‚volles Programm’ bieten!
Kinder nutzen heute zweifellos (auch) das Radio (s. Anmerkung). Im Durchschnitt hören die 6- bis 13-Jährigen - nach Aussage der Eltern ¬- um die 40 Minuten Radio. Ihre „Hörspitzen“ verteilen sich auf den Morgen, wenn am Frühstückstisch mit den Eltern Radio gehört wird, auf den Nachmittag, wenn sie aus der Schule gekommen sind und auf den Abend, wenn es ans Schlafen geht. Dabei nutzen vor allem ältere Kinder weniger das öffentlich-rechtliche Kinderradioangebot als vielmehr das „formatierte junge Radioprogramm“ der privatrechtlichen Radios. Als musikdominiertes Programmangebot, kann es sie in gute Stimmung bringen, hilft es ihnen, Zeiten der Langeweile und des Alleinseins zu überbrücken oder bei den angesagten Gesprächen der Gleichaltrigen über Musik, Medien und Konsum auf dem aktuellen Stand zu sein. So verwundert es nicht, dass Kinder - wie meist auch ihre Eltern - in der Regel „Nebenbeihörer“ sind. Denn „volle“ öffentlich-rechtliche Radioprogramme, die auf den besonderen Entwicklungsstand von Kindern, auf ihre Interessen, Bedürfnisse und Lebens-Themen zugeschnitten sind und die sie kontinuierlich zum intensiven Zuhören herausfordern können, fehlen bundesweit. Nach wie vor ist öffentlich-rechtliches Kinderradio, was kindliche Zielgruppen, die Sendeplätze und die Sendezeiten betrifft, hierzulande nicht gleich Kinderradio. Es schwankt von Senderegion zu Senderegion zwischen täglichen 30- bis 60-Minuten-Magazinformaten für ältere Kinder, den schwer auffindbaren „10-Minuten-Gute-Nacht-Sendungen“ für die 4- bis 8-Jährigen und ausschließlichen Wochenendangeboten, bei denen dann aber das besondere Potenzial des Kinderradios als „Geschichtenerzähler“ im Wortsinne hörbar wird.
Dass ein volles Programm durchaus machbar ist und funktionieren kann, zeigt mir das Angebot von „Radio Teddy“, das ich im Berliner Raum neben „Radio Kakadu“ (Deutschlandradio Kultur), dem „Ohrenbär“ (Rundfunk Berlin Brandenburg), „Zappelduster“ (Antenne Brandenburg) und „Radijojo“ (einem nichtkommerziellem Radio für die ganze Familie) täglich live oder über das Internet als Livestreaming hören kann. Bei allen qualitativen Vorbehalten, die man gegen dieses kommerzielle Vollprogramm für Kinder und ihre Familien haben kann, wird für mich jedoch sicht- und hörbar,
- dass solch ein Programm angenommen wird, wenn Kinder und Eltern rund um die Uhr „gezielt angesprochen“ werden,
- dass solch ein kontinuierliches Angebot bei Kindern offensichtlich „gut ankommt“, wenn sie nachdrücklich immer wieder zum Zuhören, Mitreden und Mitmachen aufgefordert werden und
- dass sie den Sendeplatz ihres Senders im Berliner Radiodschungel selbst gut finden können.
Wenn wir Kinder zum Hören und Zuhören befähigen wollen und wenn wir sie als anspruchsvolle Zuhörer von morgen gewinnen wollen, dann können wir aber nicht nur auf „easy listening“ setzen, sondern müssen ihnen auch ein qualitätsvolles Informations-, Unterhaltungs- und Bildungs-Programm anbieten, das täglich mehrere Stunden lang auf derselben Frequenz zu erreichen ist und das ihnen ihr eigenes Radio garantiert. Wie im Sinne von nachhaltiger Grundversorgung solch ein „Hörfunk im Kleinen“ beschaffen sein sollte, wissen alle Kinderradiomacher, die in den ARD-Anstalten Programme produzieren. Ob solch ein großflächiges Angebot womöglich in Allianz mit dem „All-in-one-Medium Internet“ (Stichwort: Webradio für Kinder) entstehen kann, ist aber weniger eine Frage des Programm-Machens, als vielmehr des eindeutigen rundfunkpolitischen Wollens in den Sendehäusern.
Falls es in Zukunft nicht gelingen sollte, dem öffentlich-rechtlichen Kinderradio wenigstens ein deutliches Mehr an Programm und Zeit zu verschaffen, könnte sich folgendes Szenario ergeben:
Bundesweit wird nach und nach kommerzielles Kinderradio entstehen und im Laufe der Zeit diesen Programmbereich auch als Webradio erobern. Vielleicht wird dann das klassische Kinderradio von Programmverantwortlichen in manchen ARD-Sendeanstalten als überholte Kulturantiquität angesehen und in der Folge - auch angesichts zu erwartender Gebühreneinbußen - langsam, aber sicher als eigenständiges Angebot abgewickelt.
Das aber kann niemand wollen, der Kinder als Zuhörer und Sprecher ernst nimmt und Radio für Kinder als Investition in die Zukunft ansieht. Also gilt es, sich mit guten Argumenten immer wieder öffentlich für ein hochwertiges und umfangreiches Kinderradio einzusetzen.
2. Wer Kinder als zukünftige Radionutzer handlungsfähig machen will, muss sich auf das gesamte Ensemble der auditiven (Kinder-)Medien einlassen!
Kinder wachsen in unserem Lande heute wie selbstverständlich mit vielen technischen Medien der Kommunikation auf. Dabei spielen die auditiven Medien (von lat. audire: hören) in ihrem Medienalltag eine mehr oder weniger bedeutsame Rolle. Hörmedien wie Hörspielkassette und -CD oder Hörbuch und Radio, Walkman, MP3-Spieler oder das Multi-Medium Mobiltelefon weben sich „nebenbei“ und vielfach unsichtbar in die tägliche Mediennutzung der Heranwachsenden ein. Für viele Kinder sind Hörspiel-CD/-Kassette und Musik-CD/-Kassette, die nicht selten Bestandteil eines Medienverbunds von Buch, Film oder Fernsehsendung sind, auch die ersten eigenen Medien, die sie so nutzen können, wie sie es wollen und brauchen. Vor allem, um sich angenehme Hörerlebnisse und gute Gefühle durch Hör-Spaß, -Spannung und -Unterhaltung zu verschaffen. Dabei scheinen Kinder genau zu wissen, welche Hör-Bausteine am besten zu welcher Stimmungslage und zu welchem Lebensthema passen, das sie gerade beschäftigt. Zu solchen Selbsterfahrungen, die Heranwachsende mit auditiven Medien machen können, kommen Sozialerfahrungen hinzu. Beispielsweise erweist sich für manche Kinder inzwischen das „Handy“ als ihr Medium Nr. 1, auch wenn gleichzeitig Fernsehen, Computer und Internet, MP3-Spieler und Radio eine wichtige Rolle in ihrem Medienalltag spielen. Gut die Hälfte der 6- bis 13-Jährigen verfügte im Jahre 2008 über ein Mobiltelefon, das sich heute sowohl als „Fern-Sprecher“, wie auch vielfach als Multimediagerät zeigt, mit dem sich Texte schreiben und empfangen, Bilder machen und verschicken lassen, aber auch Radio gehört werden kann. So bietet ihnen der Mobilfunk, bei dem sich im Sinne von Medienkonvergenz verschiedene inhaltliche und technische Aspekte gleichsam schon in Kinderhand vereinen, die Möglichkeit, nicht nur „in der Welt“, „im Bild“, mobil und für andere erreichbar zu sein, sondern bei den Gleichaltrigen auch mitreden zu können und im Gespräch mit anderen zu bleiben.
Kinder können mithilfe auditiver Medien auch besondere Sacherfahrungen, machen. In diesem Zusammenhang bietet ihnen vor allem das (Kinder- und Jugend-)Radio – auch in Verbindung mit dem Internet – eine Fülle von Welt-, Orientierungs- und Handlungswissen an. Es sind vor allem die aktuellen Nachrichten und die Informationen über die regionale/lokale Kinder- und Jugendkulturszene, die von den Heranwachsenden vorwiegend für die Gestaltung des Freizeitlebens genutzt werden. Nicht zuletzt eignen sich Kinder durch eigensinnigen Umgang mit auditiven Medien aller Art auch Kenntnisse und Fertigkeiten in Bezug auf die auditiven Medien selbst an. Diese Aneignung von Medialitätsbewusstsein kann sie schließlich befähigen, den Stellenwert und die Funktion dieser Medien für die eigene Lebenspraxis zu bestimmen und in medienkompetentes Handeln umzusetzen.
Die Selbst, Sozial- und Sacherfahrungen, die Heranwachsende im Umgang mit auditiven Medien machen können, bedingen sich wechselseitig. Welcher Art sie letztlich sind, hängt aber auch von den Bedingungen ab, unter denen sie Hören und Zuhören lernen: beispielsweise welche Rolle die auditiven Medien im Familienalltag spielen und welche kulturellen Normen und Werte dabei das Familienleben prägen, in welcher Bedeutung und Funktion die Inhalte auditiver Medien in Kindergarten, Schule oder in der Gruppe der Gleichaltrigen auftauchen oder über welche auditiven Medien die Heranwachsenden tatsächlich verfügen können.
Wer jetzt und in Zukunft als Medienpädagoge dazu beitragen will, dass Kinder sich zu handlungsfähigen Hörern und Sprechern entwickeln, hat immer wieder die Selbst-, Sozial- und Sacherfahrungen aufzunehmen, die sie mit dem gesamten Ensemble der auditiven Medien machen. Und da Kinder sich nicht selten als Medienpioniere erweisen, ginge es im Rahmen gemeinsamen Lernens mit Kindern dann auch immer wieder darum, diese Medienerfahrungen so zu überprüfen, zu ergänzen oder zu erweitern, dass sinnlich und mit Genuss auch neue Erfahrungen gemacht werden können und dass auf diese Weise die „Medien-Lese-Schreib-Kompetenz“ von Kindern umfassend gefördert wird.
3. Wer Kinder als Radionutzer zum Hören und Sprechen befähigen will, muss ihnen dafür zeitgemäße Spiel- und Gestaltungsräume anbieten!
In medienpädagogischen Arbeitszusammenhängen wird man auch immer wieder auf relativ „medienkompetente Kinder“ treffen. Man kann annehmen, dass Kinder als aktive Mediennutzer über Weltwissen, normative Orientierungen, Formen des Selbstausdrucks oder Fähigkeiten gesellschaftlicher Reflexion verfügen, die sie in der Regel in ihren außerschulischen Lebens- und Sozialwelten im handelnden Umgang nicht nur mit dem Radio, sondern mit Medien aller Art erworben haben. Daher müssen Kindern sowohl in der Schule als auch in der außerschulischen Kindermedienarbeit Handlungs- und Spielräume angeboten werden, in denen in Sinn- und Sachzusammenhängen nicht nur ihre medienbezogenen Erfahrungen aufgenommen werden und ihre gerätetechnischen Fähigkeiten zum Zuge kommen, sondern in denen sich auch planvolle Arbeit, kooperatives Handeln und Verständigungsprozesse aufeinander beziehen lassen.
Vor allem das Selbermachen von Medien wird in diesem Sinne in der Medienpädagogik als Königsweg zur Förderung von Medienkompetenz angesehen. Bietet man beispielsweise Kindern Gestaltungsräume an, in denen sie spielerisch-kreativ und aktiv mit handhabbaren Medien wie Kassetten-/digitalem Audio-Recorder oder dem universellen Produktionsmedium Computer umgehen können, dann kann ihre medienbezogene Handlungsfähigkeit intensiv gefördert werden. Wenn Kinder in Sinn- und Sachzusammenhängen gemeinsam fiktive oder nicht-fiktive Produkte herstellen
- können ihre Interessen und Sinngebungen den Arbeits- und Kommunikationsprozess wesentlich beeinflussen,
- können sie ihrer Lebenspraxis Sprache geben,
- können sie ihre Phantasie spielen lassen und ästhetisch sensibler werden,
- können sie die Besonderheiten auditiver Medien als Mittel zur Aneignung, Verarbeitung und Konstruktion von Wirklichkeit entdecken,
- können sie radiospezifische Kenntnisse und Fertigkeiten erwerben,
- können sie die verschiedenen Radio-Genres kennen lernen und bewusst für ihre Ziele nutzen,
- können sie sich Bewertungskriterien für Radioangebote aller Art erarbeiten,
- können sie im Team arbeiten und
- können sie durch Veröffentlichung ihrer Produkte nicht nur zeigen, was sie gelernt haben, sondern anderen auch das zur Diskussion stellen, was sie mitzuteilen haben.
Besonders im letzten Jahrzehnt haben die Bürgermedien in diesem Sinne wesentlich dazu beigetragen, dass die produktive Arbeit mit auditiven Medien im Kindergarten und vor allem die Radioarbeit in der Grundschule an Bedeutung gewonnen haben und dass Kinder mit ihren Arbeiten auf Sendung gehen können. Auch die Sendeanstalten selbst, wie zum Beispiel der WDR mit dem medienpädagogischen Projekt „LILIPUZ macht Schule“, bieten vereinzelt vor allem Grundschulklassen die Möglichkeit, Radio zu machen und sich mit eigenen Sendungen zu Wort zu melden.
Unabhängig vom medienpädagogischen Nutzen solcher Angebote spielt auch die damit einhergehende Qualifizierung der pädagogischen Fachkräfte in Kindergarten und Schule eine bedeutende Rolle für die Nachhaltigkeit produktiver Radioarbeit. Nicht selten führen Kooperationsprojekte zwischen Bürgermedien, Medienzentren, Sendeanstalten und Schulen dazu, dass die eine oder andere Schule - vor allem im Rahmen des Ganztagsbetriebs - beginnt, selbst Radio zu machen. Dass praktisch jeder schon jetzt sein eigener Sender sein kann, wenn er über ein gutes Mikrophon, einen leistungsstarken Personalcomputer, ein gutes Programm zur Tonbearbeitung und eine Internetseite verfügt, klingt nicht nur faszinierend, sondern ist heute bereits vielfach Realität und macht die frühe Vision Bertolt Brechts vom „Rundfunk als Kommunikationsapparat“ gleichsam fassbar. So erlaubt beispielsweise Podcasting jedem einzelnen – auch Kindern – die eigene am Computer produzierte („Radio“-)Sendung oder den eigenen Hör-Text im Internet zu veröffentlichen und anderen zum Herunterladen und Anhören auf Computer und MP3-Spieler zur Verfügung zu stellen. Dabei können Kinder diese besondere Form produktiver Radioarbeit auch als Möglichkeit entdecken, um sich mit anderen Kindern oder (Kinder-)Gruppen (z. B. in Schulen) zu vernetzen, die die gleichen Interessen und Ansichten haben.
Solche Aktivitäten gehören nach wie vor nicht zum medienpädagogischen Alltag in Kindergarten und Grundschule. Aber eine Zusammenarbeit zwischen Bürgermedien, Sendeanstalten, Medienzentren, Musikschulen, Kindergärten, Grundschulen und auch Elternhäusern, die nachhaltig gefördert und unterstützt wird, kann in Zukunft die Rahmenbedingungen und Synergieeffekte dafür schaffen, dass zeitgemäße Radioarbeit mehr und mehr als selbstverständliches pädagogisches Handeln verstanden wird und sich bei weiter vereinfachter und nutzerfreundlicher Technik zu einem integralen Bestandteil der Kindermedienkultur entwickelt.
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Anmerkung:
vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2009) (Hrsg.): KIM-Studie 2008. Kinder und Medien, Computer und Internet. Basisuntersuchung zum Medienumgang 6- bis 13-Jähriger in Deutschland. Stuttgart
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